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Zu Gast bei Alfred Gratien

Und mittendrin:

Alfred Gratien

Und mittendrin: Alfred Gratien.

Bereits seit 1864 ist die Champagnerkellerei hier zu Hause. Und ein echtes Unikat, weiß Nicolas Jaeger, der den Besucher sogleich durch ein großes, hölzernes Tor in den Keller des Hauses führt. Was für den Weinmacher zum Alltag gehört, lässt beim Gast jeden Gedanken an den unscheinbaren Hof, der da draußen im Nebel liegt, augenblicklich verblassen. Während der staunende Blick auf unzählige, in sauberen Reihen aufgestapelte Holzfässer fällt, füllt der süßlich-saure Duft von jungem Wein Raum und Nase. »Wer verstehen will, warum Alfred Gratien nicht irgendein Champagner unter vielen ist, muss hier beginnen«, erzählt Nicolas Jaeger beim Gang durch die Reihen. Über tausend Fässer lagern hier, jedes einzelne beschriftet — mal zieren zwei, mal drei Buchstaben das warme Holz. Was für den Laien nach Flughafenkürzeln unbekannter Reiseziele klingt, sind Abkürzungen für die Weine, die in den Fässern lagern. Jaeger kennt sie alle, nicht nur beim Namen, sondern auch beim Geschmack. Weiß um ihre Besonderheiten Bescheid, ihre Eigenheiten, den Ursprung. »Die Trauben für unsere Weine, die die Basis des Alfred Gratien Champagners bilden, beziehen wir ausschließlich aus dreißig Kilometern Umkreis um Épernay. Sie stammen aus den Gebieten Montagne de Reims, Côte des Blancs und Vallée de la Marne«, erklärt Nicolas Jaeger, der das Haus seit dem Jahr 1990 in vierter Generation leitet und damit in die Fußstapfen seines Vaters, seines Großvaters und seines Urgroßvaters getreten ist. »Diese Holzfässer haben mich schon als Kind fasziniert«, erinnert sich der 44-Jährige, der hier tagtäglich — auch am Wochenende — nach dem Rechten sieht, Stichproben nimmt, den Duft der Weine prüft und sich schließlich ihren Geschmack auf der Zunge zergehen lässt — wohlwissend, dass der Weg zum perfekten Champagner noch ein weiter ist.

Denn ein sehr guter Champagner braucht vor allem eines: Zeit.

Ehe die Weine weiterverarbeitet werden, reifen sie sechs Monate in den Eichenfässern — und das ganz ohne malolaktische Fermentation, um die Aromen der Trauben möglichst vollständig zu erhalten. 250 000 Flaschen Champagner werden hier so Jahr für Jahr abgefüllt. Was zunächst nach einer ordentlichen Zahl klingt, relativiert sich spätestens beim Vergleich mit einer weiteren Champagnerkellerei aus Épernay, die jährlich bis zu 32 Millionen Flaschen produziert. »Ein Champagner von Alfred Gratien ist und bleibt etwas Besonderes, kein Massenprodukt«, betont Nicolas Jaeger die Philosophie des Traditionsunternehmens, das seit dem Jahr 2000 zur Henkell & Co.-Gruppe gehört. Bewusst fiel die Wahl dabei auf eine Marke, bei der Qualität an oberster Stelle steht, bei der man vergeblich nach der großen Produktionshalle Ausschau hält; eben eine, bei der es vielmehr zugeht wie in einer Manufaktur, in der neben Jaeger — ja, da habe man schon richtig gehört — nur vier Kollegen arbeiten. Die Cuvées, die im zweiten Verarbeitungsschritt aus den Weinen entstehen, reifen schließlich mindestens vier bis fünf Jahre in ihren Flaschen, bis sie als Alfred Gratien Champagner in Restaurants und bei ausgewählten Händlern angeboten werden. Um diesen Prozess besser zu verstehen, geht es für den Besucher zunächst wieder ins Freie, schnell über den Hof, durch den längst vergessenen Nebel, hinein ins zweite Gebäude, in den Fahrstuhl und ab in die Tiefe. Genauer: 18 Meter unter die Erde. Es dauert nicht lange, bis sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, und doch reibt man sie ungläubig beim Betreten des Champagnerkellers. 1,5 Millionen ­Flaschen — oder besser: fünf Jahre — Champagner lagern hier, nahezu kopfüber in Holzregale gesteckt, in kilometerlangen Korridoren, die sogar bis unter den Sitz der Nachbarkellerei reichen. In regelmäßigen Abständen werden die Flaschen per Hand oder Maschine gedreht, sodass sich ihr Inhalt langsam in prickelnden Alfred Gratien Champagner verwandelt. Längst abgeschlossen ist dieser Gärungsprozess bei einer Reihe ganz besonderer Flaschen, die — überzogen mit einer weiß-kalkigen Staubschicht — bereits 1967 oder gar 1945 abgefüllt wurden. »Unser kleines Museum«, lächelt Nicolas Jaeger bescheiden — und doch sichtbar stolz darauf, Weinmacher von Alfred Gratien zu sein.

Lange überlegen muss Nicolas Jaeger nicht, fragt man ihn, welcher Anlass denn der beste sei, um eine Flasche Champagner zu öffnen. »Champagner trinkt man zu Siegen und Niederlagen, bei Sonne und Regen, wegen der Liebe und in Zeiten der Trauer«, lacht der Franzose, bei dem tatsächlich kein Tag ohne ein Gläschen Alfred Gratien vergeht. »Unser Champagner ist unglaublich vielseitig. Stellen Sie sich ein Dinner vor: Zu jedem Gang wird ein anderer Champagner serviert, perfekt abgestimmt auf die Gerichte. Sie werden von den unterschiedlichen Geschmacksnoten begeistert sein«, sprudelt es leidenschaftlich aus ihm heraus.

So schön und so beeindruckend? Hätte man sich eine Reise in die Champagne gar nicht vorstellen können.  

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aus der Pearls!

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