Kellereiporträt Gratien & Meyer

Über fünf Kilometer erstrecken sich die Kellergänge, in denen knapp fünf Millionen Flaschen lagern. Flaschen, in denen Weine zu Crémant heranreifen – einem Schaumwein, der typisch ist für diese Region Frankreichs. Mit Blick auf die Loire wachsen die Trauben an Weinstöcken in unmittelbarer Nähe der Kellerei – auf 1,2 Hektar Fläche. Etwa einhundert Weinbauern liefern jährlich ihre beste Ernte nach Saumur, einer eher unauffälligen Kleinstadt im Westen Frankreichs. Auf seinem Weg durch die dunklen Gänge lässt Armand Hervoil diese Zahlen scheinbar nebenbei fallen – wohl wissend, wie beeindruckend sie in den Ohren der jährlich bis zu 30.000 Kellereibesucher klingen. Doch für ihn gibt es hier, 35 Meter in der Tiefe, viel mehr als Zahlen zu entdecken. „Der Keller erzählt unglaublich spannende Geschichten, wenn man nur genau hinschaut“, so Hervoil – und richtet den Kegel seiner Taschenlampe auf das, was einst Schienen waren, auf denen die Flaschen in Loren durch den Keller transportiert wurden. Heute? Sieht das anders aus. Hört sich das anders an. Nämlich nach leise surrenden Gabelstaplern, mit deren Hilfe frisch abgefüllte Flaschen im Keller platziert oder solche, die reif sind fürs Degorgieren, zurück ans Tageslicht gebracht werden. Die meiste Zeit jedoch? Herrschen hier unten absolute Ruhe und Dunkelheit. „Perfekte Bedingungen“, nickt Hervoil, und schiebt sich flink durch einen schmalen Gang, vorbei an Aberdutzenden von Flaschen, die eines Tages den Weg in die Supermärkte, in Restaurants und Hotels finden werden. Dabei verkauft Gratien & Meyer 90 Prozent der Produkte in Frankreich – die restlichen 10 innerhalb Europas und der Welt. Noch heute lagern Flaschen aus dem Privatbesitz der Gründungsfamilien Gratien und Meyer, die das Unternehmen im Jahr 2000 an die Henkell & Co.-Gruppe verkauften, in einem der zahlreichen verwinkelten Gänge und Räume. „Man muss nur wissen, wo sich die Geschichten verstecken“, lächelt Hervoil, und führt den Besucher schließlich zurück ins Jahr 2018 – nämlich dorthin, wo sich die meisten der insgesamt 35 Mitarbeiter darum kümmern, die Weine weiterzuverarbeiten. In der modernen Produktion bewegen sich die Flaschen, die teilweise bis zu sechs Jahre im Keller verbracht haben, über ein Förderband und sind innerhalb weniger Minuten bereit zur Auslieferung. Dabei wird der Flaschenhals, in dem sich die Hefe während der sogenannten zweiten Gärung gesammelt hat, eingefroren. Beim Öffnen der Flasche schießt der Hefepropfen heraus – Zeit, den Crémant mit Dosage aufzufüllen, ehe er verkorkt, mit einer Agraffe verschlossen, die Flasche noch einmal gedreht, etikettiert, kontrolliert und verpackt wird. „Das Ganze geschieht fast vollautomatisch und unterliegt höchsten Qualitätsansprüchen“, betont Armand Hervoil und knipst seine Taschenlampe leise aus.

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