Willst du ein A kaufen?

NEID IST KEINE MENSCHLICHE EIGENSCHAFT, AUF DIE MAN STOLZ SEIN SOLLTE. EHER GANZ IM GEGENTEIL. HIER ABER LÄSST SIE SICH NICHT UNTERDRÜCKEN. WIE GERNE WURDE MAN HIER SELBER EINZIEHEN? UNTEN DIE ARBEIT, EIN STOCKWERK HÖHER DIE FREIZEIT. FEST VERBUNDEN UND FLOTT ÜBERWUNDEN ÜBER EINE ENGE HOLZTREPPE, DIE DAS MÖGLICH MACHT, WAS SASCHA GREWE SO SCHÄTZT. EINFACH ABENDS NOCHMAL RUNTER IN DIE WERKSTATT, DAS LETZTE MDF-STÜCK NOCH EINMAL BEARBEITET, DIE LETZTE LACKSCHRIFT GESPRÜHT.

Neidisch deshalb, weil man sich so etwas wie hier wünscht. Für die eigene Arbeit. Für sich selber. Hier, wo Sascha mit seiner Werkstatt im wahrsten Sinne des Wortes zuhause ist, reihen sich Backsteinhäuser mit Geschichte aneinander, wird nächstens ein zentral gelegener Wasserturm angestrahlt, geht es über rumpelige Kopfsteinpflaster, ehe das Haus, die Arbeitsstätte, besser: das Reich von Sascha Grewe erreicht ist. Wer seine Klingel drückt, darf kein spontanes Öffnen erwarten. Drinnen kreischt die Kreissäge, sind die Ohren gut geschützt und damit nicht empfänglich für das Schellen von draußen. Also erst einmal das Haus umkreist. Groß ist es nicht, klein auch nicht. Genau passend, würden wir sagen. Noch einmal die Klingel gedrückt, jetzt etwas stürmischer. Wieder kein Echo. Dann mit Schwung gegen die Tür gelehnt und die Klinke gedrückt. Der wird doch wohl nicht? Doch, der hat nicht mal abgeschlossen; durch eine weitere Tür geschlüpft und herzlich willkommen in der Welt von Sascha Grewe.

Der Mann ist bekannt, sehr sogar. Die New York Times hat schon angeklopft, nationale und internationale Wohnmagazine und zahllose Designblogs berichteten über den Anfang 30-Jährigen, der einen ganz klassischen Ausbildungsweg nahm und doch schon jetzt Besonderes erreichte. Erst die Lehre zum Tischler, dann das Studium der Innenarchitektur. Während des Studiums gründet Grewe die eigene Firma art-can-break-your-heart und perfektioniert fortan, was er schon in der Lehre gesehen hat. Wenn man auf Gehrung zuschneidet, dann passt Holz nicht nur perfekt zusammen, sondern geht auch eine äußerst stabile Verbindung ein. Das Adjektiv perfekt darf man hier ruhig wörtlich nehmen. Und ja, Sascha Grewe nickt, sicher, er ist Perfektionist, da versucht er lieber erst gar nicht, sein Gegenüber vom Gegenteil zu überzeugen. Viel lieber reicht er die Gäste-Ohrenschützer in Quietschgelb rüber und setzt sich selber das bordeauxrote Luxus-Ding auf die eigenen Ohren. Dann passiert, was wohl jeden Mann vom TÜV Rheinland erschaudern lässt. Grewe schmeißt die Kreissäge an und setzt die Finger an die MDF-Platte. Ganz nah dran, ganz sanft. Und schiebt das Pressholz nur millimeterweise vor und zurück, fährt Rundungen nach und hobelt so immer kleinere Stücke ab, bis das Holz, aus dem ein Hocker in Form einer Fünf entstehen soll, von der großen zur winzigen Kreissäge wandert. Die hat gerade einmal Schuhkartonformat, die eigentliche Sägescheibe ist so klein wie eine CD und gerade deshalb so gut für die Arbeit von Sascha Grewe geeignet.

»Wenn die Gehrung perfekt gearbeitet ist, dann ist die Verbindung in Passform und Halt unübertroffen«

Sieht so aus, als könne sich dieser Hocker hier später sehr gut sehen lassen. Wobei das - und das glaubt der Gast nicht wirklich - seine erste Zahl ist. Sonst verlassen immer nur Buchstaben seine Werkstatt. Und werden per Spedition nicht nur bundes- oder europaweit verschickt, sondern machten sich auch schon auf, um Designfreunde in Singapur, Amerika oder Australien zu erfreuen. Begonnen hat die Idee mit den bunt lackierten Buchstaben aus Holz während des Studiums 2009. Betonstühle hatte er bis dahin entwickelt, hatte schon gegenständlich mit Holz gearbeitet. Jetzt aber reizte ihn die Verbindung zwischen Typografie und dem Tischlerhandwerk. Also entwickelte er sich eine Schriftart, eine richtig kräftige, eine, bei der die Buchstaben fast zu platzen drohten. Verfeinerte sie weiter, reduzierte die Einkerbungen und Schwingungen und erhielt so 26 Buchstaben, die prall wirkten und wunderbar als Sitzmöbel fungieren konnten. Der erste Kunde war schnell gefunden, der zweite folgte. In der Fachhochschule machte Grewe Furore und so war er plötzlich Dreierlei: Student, Lehrender und Unternehmer. Manche Nacht hat er in der Werkstatt verbracht, hat vor allem an den Buchstaben getüftelt, die sich gegen ein Fortleben als Sitzhocker zu sträuben schienen. Das S macht keine Probleme, das R auch nicht. Nur das O, das bereitet die meisten Schwierigkeiten, dieser langgezogene Schwung auf der Rückseite erforderte selbst vom erfahrenen Kreissägenbediener ein nochmaliges Ansetzen, ein nochmaliges Nachsägen, ehe Rundung und Mantelfläche zueinander passen.

Heute kommen Unternehmen von weit her, um sich für die Buchstaben zu begeistern. Auf der Landesgartenschau konnten erstaunte Besucher Worte aus Grewes Buchstaben lesen, die dieses Mal massiv aus Beton gegossen waren. Deutschlandweit gibt es längst Designgeschäfte, die die Buchstabenhocker vertreiben, das Netz, "immer noch meine beste Werbung", so Grewe, ist voll von Blogs, die erzählen, wie aus 26 Buchstaben und 250 Farben ein Sitzmöbel entsteht, das einzigartig ist. Die Frage, ob er davon leben könne, stellt sich nicht, wenn die Treppe nach oben gegangen wurde. Hier lebt er mit seiner Frau, seiner Tochter. Auch hier alles perfekt ausgesucht, harmonisch arrangiert, mit Kennerblick zusammengestellt. Designklassiker schmiegen sich hier an Selbstgebautes, hier ist kein Student, kein Überlebenskünstler zu Hause, sondern einer, der weiß, dass Design wichtig ist. Für das eigene Wohlempfinden. Das Leben.

Neid? Musst Du Dir erarbeiten. Dann wechselt das Ganze in Bewunderung. Und die darf man ganz ohne schlechtes Gewissen empfinden. Ganz sicher.